Sicher im Job, aber ohne Vorfreude

Österreichs Beschäftigte fühlen sich sicherer im Job als vor einem Jahr und freuen sich zugleich deutlich seltener auf die Arbeit. Das klingt nach einem Widerspruch. Es zeigt aber nur, daß Sicherheit, Vorfreude und Zufriedenheit verschiedene Dinge sind. Und keines davon ist Sinn.

Worum es geht

Anfang Oktober 2026 hat PwC Österreich die Länderergebnisse der Studie Global Workforce Hopes and Fears 2026 veröffentlicht. Befragt wurden im Mai und Juni 2026 weltweit 49.364 Beschäftigte in 48 Ländern und Regionen, davon 805 in Österreich.

Drei Werte stehen im Vordergrund. 70 Prozent fühlen sich in ihrem Job sicher, im Vorjahr waren es 63 Prozent. Nur noch 49 Prozent freuen sich auf die Arbeit, 2025 waren es 66 Prozent. Mit ihrem Job zufrieden sind 64 Prozent, nach 71 Prozent im Vorjahr.

In den Medien wurde daraus die Schlagzeile, die Österreicher fühlten sich im Job sicher, arbeiteten aber nicht gerne. Das sagt die Studie nicht. Sie sagt, daß sich knapp die Hälfte auf die Arbeit freut. Wer sich nicht auf den nächsten Arbeitstag freut, arbeitet deshalb noch nicht ungern.

Was tatsächlich gemessen wurde

Die Studie fragt nach Einschätzungen und Stimmungen. Sicherheit ist eine Einschätzung der eigenen Lage. Vorfreude ist eine Erwartung an den kommenden Arbeitstag. Arbeitszufriedenheit ist eine Bilanz. Der genaue Fragewortlaut ist in den veröffentlichten Unterlagen nicht angegeben, ebensowenig die Antwortskala. Ob sich die 49 Prozent auf die höchste Stufe einer Skala beziehen oder auf zwei zusammengefaßte Stufen, bleibt offen.

Nach Sinn fragt die Studie nicht. Weder die österreichische noch die globale Darstellung enthält eine Frage danach, ob Beschäftigte ihre Arbeit als sinnvoll erleben oder einen Beitrag in ihr sehen. Am nächsten kommt dem ein globaler Wert. In der größten Gruppe der weltweiten Stichprobe sagen zwei Drittel, sie seien stolz auf ihre Arbeit. Für Österreich ist dieser Wert nicht ausgewiesen.

Daneben stehen Zahlen zum Geld. Nur 34 Prozent haben am Monatsende noch Geld übrig, 2025 waren es 38 Prozent, 2024 noch 44 Prozent. 40 Prozent fühlen sich fair entlohnt. Das Gehalt ist laut PwC zum wichtigsten Faktor im Arbeitsleben geworden. Im Vorjahr stand noch die Jobsicherheit an erster Stelle.

Die Einordnung

Ein Rückgang der Vorfreude um 17 Prozentpunkte in einem Jahr ist groß. Mit einer unsichereren Lage läßt er sich nicht erklären, denn die empfundene Sicherheit ist im selben Zeitraum gestiegen. Naheliegender ist ein Zusammenhang mit dem finanziellen Druck, den die Studie selbst beschreibt. Belegt ist dieser Zusammenhang nicht. Die veröffentlichten Daten zeigen nur, daß beides gleichzeitig auftritt.

Eine mögliche Lesart ist diese. Wenn Arbeit vor allem das Einkommen sichern soll und das Einkommen knapper wird, verschiebt sich der Blick auf die Arbeit. Sie wird stärker zum Mittel. Auf ein Mittel freut man sich selten. Ob das für die Befragten zutrifft, läßt sich aus den Zahlen nicht ablesen.

Sicherheit ist eine Bedingung, keine Quelle. Wer um seinen Arbeitsplatz fürchtet, hat wenig Raum, nach dem Wozu seiner Arbeit zu fragen. Wer sich sicher fühlt, hat diesen Raum. Gefüllt wird er dadurch noch nicht.

Die existenzanalytische Lesart

Vorfreude und Zufriedenheit sind Befindlichkeiten. Sie hängen davon ab, wie es einem geht. Sinnerleben hängt davon ab, was man in einer Situation als wertvoll wahrnimmt und ob man darauf antworten kann. Deshalb kann eine Arbeit sinnvoll sein, auf die man sich an einem Montagmorgen nicht freut. Und eine angenehme Arbeit kann leer bleiben.

Viktor Frankl hat in der Ärztlichen Seelsorge betont, daß nicht der Beruf selbst über den Sinn entscheidet, sondern wie jemand ihn ausfüllt. Sinn liegt dort, wo ein Mensch in seiner Arbeit etwas einbringt, das nur er als diese Person so einbringen kann. Diese Möglichkeit verschwindet nicht, wenn das Geld knapp wird. Sie wird aber schwerer wahrnehmbar, wenn Arbeit nur noch als Einkommensquelle gilt, für die Beschäftigten ebenso wie für die Organisation.

Freude ist bei Frankl keine Zielgröße. Sie stellt sich ein, wenn man sich einer Aufgabe oder einem Menschen zuwendet. Das hat schon der Befund Sinn in der Arbeit, Sinn durch Arbeit gezeigt. Wer die Vorfreude direkt heben will, setzt am falschen Ende an.

Was das für Organisationen bedeutet

Ein sinkender Wert bei der Vorfreude ist kein Auftrag, Stimmung zu machen. Feiern und Wohlfühlangebote greifen eine Befindlichkeit auf, ihre Bedingungen ändern sie nicht. Zwei Bedingungen lassen sich dagegen gestalten.

Die erste ist eine Vergütung, die als fair erlebt wird. Nur 40 Prozent fühlen sich fair entlohnt. Wer den Eindruck hat, daß sein Beitrag nicht angemessen gesehen wird, nimmt auch den Beitrag selbst schwerer wahr. Dabei geht es nicht nur um die Höhe, sondern auch um Nachvollziehbarkeit.

Die zweite ist die Sichtbarkeit des eigenen Beitrags. Wenn das Gehalt zum wichtigsten Faktor wird, sollte Führung nicht mit Sinnrhetorik dagegenhalten. Sie kann aber dafür sorgen, daß im Alltag erkennbar bleibt, wozu die Arbeit gut ist und für wen. Das ersetzt keine faire Bezahlung, und faire Bezahlung ersetzt es nicht.

Hilfreich ist außerdem, selbst genauer zu messen. Wer in eigenen Befragungen Zufriedenheit, Vorfreude und Sinnerleben getrennt erhebt, erkennt, ob ein Stimmungstief die Arbeit betrifft oder die Lebenslage der Menschen.

Grenzen dieses Befunds

Die österreichische Stichprobe umfaßt 805 Personen. Bei dieser Größe sind Veränderungen um wenige Prozentpunkte vorsichtig zu lesen. Der Rückgang der Vorfreude geht deutlich darüber hinaus, der Rückgang der Zufriedenheit weniger. Fragewortlaute, Antwortskalen und Erhebungsmodus sind in den gelesenen Quellen nicht dokumentiert. Ob die Stichprobe des Vorjahrs gleich zusammengesetzt war, ist nicht bekannt. Die Deutung über den finanziellen Druck ist eine Vermutung, kein Ergebnis. Über Sinnerleben sagt die Studie nichts. Dieser Befund benennt vor allem, was sie nicht mißt.

Begriffe zu diesem Befund

Arbeitszufriedenheit, Sinnerleben, Person, Sinnquellen

Quellen