Die Zahl der Erwachsenen, die erstmals eine ADHS-Diagnose erhalten, hat sich in Deutschland zwischen 2015 und 2024 fast verdreifacht. In Unternehmen wirft das zwei Fragen auf. Haben heute viel mehr Mitarbeiter ADHS als früher? Und müssen Führungskräfte lernen, es zu erkennen? Die Daten legen bei beiden Fragen eine andere Antwort nahe, als die Schlagzeilen vermuten lassen.
Was die Zahlen zeigen
Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung hat die Abrechnungsdaten der niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten in ganz Deutschland ausgewertet. Gezählt wurden gesetzlich Versicherte ab 18 Jahren, die eine ADHS-Diagnose erhielten, nachdem sie mindestens zwei Jahre ohne eine solche Diagnose gewesen waren. 2015 waren es 8,6 von 10.000 Erwachsenen, 2024 waren es 25,7. Das ist ein Anstieg um 199 Prozent.
Der Anstieg verlief nicht gleichmäßig. 2019 stieg die Rate um rund 15 Prozent, im selben Jahr kam ein zusätzlicher Diagnoseschlüssel für Aufmerksamkeitsstörungen ohne Hyperaktivität hinzu. 2020 ging sie kurz zurück, in der Pandemie suchten weniger Menschen eine Praxis auf. Rund drei Viertel des gesamten Anstiegs entfallen auf die Jahre 2022 bis 2024.
Wer jetzt diagnostiziert wird
Bei Kindern erhalten Buben laut AOK Rheinland/Hamburg etwa viermal so oft eine ADHS-Diagnose wie Mädchen. Bei Erwachsenen war der Abstand schon 2015 kleiner. Damals erhielten Männer 1,7-mal so oft eine neue Diagnose wie Frauen. 2024 war der Unterschied fast verschwunden, 26,9 gegenüber 24,8 je 10.000. Bei Frauen stieg die Rate um 270 Prozent, bei Männern um 142 Prozent. Am stärksten nahmen die Diagnosen bei Frauen zwischen 25 und 29 Jahren zu, um 533 Prozent.
Eine naheliegende Erklärung ist, daß ADHS bei Frauen früher seltener erkannt wurde. Die Abrechnungsdaten allein können das allerdings nicht belegen.
Nachholen statt Zunahme
Wie viele Erwachsene tatsächlich betroffen sind, läßt sich aus Diagnosen nicht ablesen. Dafür gibt es Bevölkerungsstudien. Eine Metaanalyse von Song und Kollegen schätzt, daß weltweit 2,6 Prozent der Erwachsenen eine ADHS haben, die seit der Kindheit besteht. Zählt man alle mit deutlichen Symptomen, unabhängig von der Kindheit, sind es 6,8 Prozent.
Einen bundesweiten Anteil diagnostizierter Erwachsener für 2024 gibt es nicht. Die AOK Rheinland/Hamburg hat ihn für ihre Versicherten veröffentlicht. 2014 hatten 0,23 Prozent der erwachsenen Versicherten eine ADHS-Diagnose, 2024 waren es 0,65 Prozent. Auch nach fast einer Verdreifachung entspricht das etwa einem Viertel der geschätzten 2,6 Prozent.
Die Autoren der Studie des Zentralinstituts gehen davon aus, daß die meisten neuen Diagnosen verspätete Diagnosen sind, die Symptome also schon länger bestanden. Beweisen können ihre Daten das nicht. Das Gesamtbild paßt aber dazu. Die Diagnosen nähern sich der geschätzten Häufigkeit, sie überschreiten sie nicht. Gestiegen ist die Zahl der erkannten Fälle. Daß auch die Zahl der Betroffenen gestiegen wäre, zeigen diese Daten nicht.
Was das für die Arbeit bedeutet
Für Unternehmen heißt das zuerst, die Menschen mit ADHS waren schon vorher da. Viele von ihnen haben jetzt einen Namen für etwas, das sie lange begleitet hat.
Wie sehr ADHS die Arbeit beeinträchtigen kann, zeigt eine Auswertung der Weltgesundheitsbefragungen der WHO. In zehn Ländern, darunter Deutschland, erfüllten im Schnitt 3,5 Prozent der Erwerbstätigen zwischen 18 und 44 Jahren die Kriterien einer ADHS. Sie verloren pro Jahr 22,1 Tage mehr an Arbeitsleistung als die übrigen Befragten, durch Fehlzeiten und durch eingeschränkte Leistung bei der Arbeit. Die Autoren empfahlen gezieltes Screening und Behandlung. Das sind Aufgaben für Ärzte, Psychologen und betriebliche Gesundheitsdienste, nicht für Vorgesetzte. Gesundheitsdaten gehören nach der Datenschutz-Grundverordnung zu den besonders geschützten Daten.
Was Führung stattdessen tun kann, ist schlechter untersucht, als man erwarten würde. Eine systematische Übersicht von Lauder und Kollegen fand 143 Studien zu Maßnahmen für Erwachsene mit ADHS. Keine davon fand an einem echten Arbeitsplatz statt, keine prüfte die Wirkung von Maßnahmen im Betrieb. Die britische Leitlinie des NICE nennt Anpassungen der Umgebung trotzdem als ersten Schritt.
Zwei Studien geben Hinweise, in welche Richtung es geht. In einer Befragung von 2.693 Beschäftigten eines japanischen Unternehmens gingen Handlungsspielraum und Unterstützung durch Vorgesetzte und Kollegen mit weniger psychischer Belastung einher. Bei Beschäftigten mit mehr ADHS-Symptomen war dieser Zusammenhang stärker. In Interviews mit 125 jungen Erwachsenen, die als Kinder eine ADHS-Diagnose erhalten hatten, beschrieben viele ihre Symptome als abhängig von der Arbeit. Abwechslungsreiche, fordernde, praktische und für sie interessante Tätigkeiten halfen ihnen, sich zu konzentrieren.
Die existenzanalytische Lesart
Viktor Frankl hat zwischen dem unterschieden, was ein Mensch hat, und dem, was er ist. Eine Störung betrifft den psychophysischen Organismus. Die Person, die sich zu ihr verhalten kann, geht darin nicht auf. Eine Diagnose beschreibt deshalb Merkmale, nicht den Menschen. Sie sagt auch noch nicht, was er in seiner Arbeit braucht.
Daß sich manche Menschen mit ADHS bei Tätigkeiten besser konzentrieren können, die sie interessieren, überrascht aus dieser Sicht nicht. Aufmerksamkeit folgt dem, worauf ein Mensch ausgerichtet ist. Ob Interesse und Sinn dabei dasselbe meinen, ist allerdings offen. Die Studie hat nach Interesse gefragt, nicht nach Sinnerleben. Hier liegt eine Forschungsfrage, keine Antwort.
Was das für Organisationen bedeutet
Führungskräfte müssen ADHS nicht erkennen. Die Diagnose ist Sache von Fachleuten, und viele Betroffene entscheiden sich bewußt, sie am Arbeitsplatz nicht offenzulegen. Wer sich offenbart, verdient eine ernsthafte Antwort. Für alle anderen zählt die Gestaltung der Arbeit.
Die beiden Hebel mit den besten Hinweisen sind Handlungsspielraum und verläßliche Unterstützung. Dazu kommen Mittel, die in der Praxis immer wieder genannt werden. Klare Prioritäten, Aufträge schriftlich statt im Vorbeigehen, Zeiten ohne Unterbrechung, weniger Baustellen gleichzeitig. Für den Arbeitsplatz ist ihre Wirkung noch nicht untersucht. Wir gehen davon aus, daß davon auch der Rest des Teams profitiert, belegt ist das ebenfalls nicht.
Grenzen dieses Befunds
Abrechnungsdaten zählen Diagnosen, nicht Betroffene. Ein Teil der neuen Diagnosen kann Menschen betreffen, die schon früher eine hatten, und der zusätzliche Diagnoseschlüssel ab 2019 erschwert den Vergleich über die Jahre. Für Österreich gibt es keine vergleichbaren veröffentlichten Daten, das wäre ein eigener Befund. Die Zahlen der AOK Rheinland/Hamburg stammen aus einer Region und von einer Kasse, ihre Methode ist nicht veröffentlicht. Die Schätzungen von Song und Kollegen beruhen auf Studien aus vielen Ländern mit unterschiedlichen Methoden und gelten weltweit, nicht für Deutschland oder Österreich. Die WHO-Auswertung wurde 2008 veröffentlicht, ihre Daten sind also älter, und sie betrifft nur 18- bis 44-Jährige. Die japanische Studie ist eine Momentaufnahme in einem Unternehmen und arbeitet mit einem Fragebogen statt mit Diagnosen, die Interviewstudie ist qualitativ.
Begriffe zu diesem Befund
Quellen
- Ivanova, M., Holstiege, J., Akmatov, M. K., Müller, D. und Kohring, C. (2025). The incidence of AD(H)D spectrum disorders in adults. An analysis of nationwide claims data of the statutory health insurance system in Germany, 2015–2024. Deutsches Ärzteblatt International, 122, 697–698.
- Song, P., Zha, M., Yang, Q., Zhang, Y., Li, X. und Rudan, I. (2021). The prevalence of adult attention-deficit hyperactivity disorder. A global systematic review and meta-analysis. Journal of Global Health, 11, 04009.
- AOK Rheinland/Hamburg, ADHS bei Erwachsenen. Zahl der Diagnosen hat sich verdreifacht, 10. Juli 2026.
- de Graaf, R., Kessler, R. C., Fayyad, J. u. a. (2008). The prevalence and effects of adult attention-deficit/hyperactivity disorder (ADHD) on the performance of workers. Results from the WHO World Mental Health Survey Initiative. Occupational and Environmental Medicine, 65 (12), 835.
- Lauder, K., McDowall, A. und Tenenbaum, H. R. (2022). A systematic review of interventions to support adults with ADHD at work. Frontiers in Psychology, 13, 893469.
- Nagata, M., Nagata, T., Inoue, A., Mori, K. und Matsuda, S. (2019). Effect modification by attention deficit hyperactivity disorder (ADHD) symptoms on the association of psychosocial work environments with psychological distress and work engagement. Frontiers in Psychiatry, 10, 166.
- Lasky, A. K., Weisner, T. S., Jensen, P. S. u. a. (2016). ADHD in context. Young adults‘ reports of the impact of occupational environment on the manifestation of ADHD. Social Science & Medicine, 161, 160–168.
- Verordnung (EU) 2016/679 (Datenschutz-Grundverordnung), Art. 9.
- Viktor E. Frankl, Ärztliche Seelsorge, dtv, 10. Auflage 2020
