Zwei viel zitierte Zahlen über Sinn und Arbeit scheinen sich zu widersprechen. Sie messen aber zwei verschiedene Dinge, und wer sie trennt, sieht, worum es eigentlich geht.
Zwei Befunde, die nicht zusammenpassen
Im DGB-Index Gute Arbeit erreicht das Kriterium „Sinn der Arbeit“ seit Jahren 82 von 100 Punkten. Es ist damit regelmäßig das am besten bewertete der elf Kriterien.
Im Jänner 2026 meldete die Stiftung für Zukunftsfragen scheinbar das Gegenteil. Nur noch 33 Prozent wollen in der Arbeit etwas leisten, was Sinn hat. 2006 waren es 52 Prozent. Die Meldung lief durch die Medien als Beleg dafür, daß Arbeit ihre sinnstiftende Bedeutung verliert.
Was tatsächlich gefragt wurde
Der DGB-Index fragt nicht, wie wichtig Sinn ist. Er fragt, ob Beschäftigte mit ihrer jetzigen Arbeit einen wichtigen Beitrag für den Betrieb und für die Gesellschaft leisten und ob sie sich mit ihr identifizieren. Gemessen wird also das Erleben der eigenen Tätigkeit. Die 82 sind Indexpunkte, keine Prozent, auch wenn Sekundärquellen sie gelegentlich so wiedergeben.
Die Stiftung für Zukunftsfragen legt zwei Aussagen zur Wahl vor. Die eine verbindet Sinn, Freude, eine Lebensaufgabe und eigenes Gestalten in der Arbeit. Die andere setzt darauf, das Leben zu genießen und sich nicht mehr abzumühen als nötig. Gemessen wird also, ob jemand die Arbeit zum Mittelpunkt seines Lebensentwurfs macht.
Ein dritter Wert fehlt in den meisten Meldungen. 41 Prozent halten beides für gleich wichtig, das ist die größte Gruppe. Zusammen mit den 33 Prozent sind es drei Viertel, für die Sinn in der Arbeit mindestens so viel zählt wie Genuß. Den Genuß allein wählen 22 Prozent.

Sinn in der Arbeit ist nicht Sinn durch Arbeit
Die beiden Studien widersprechen sich also nicht. Die meisten Beschäftigten erleben ihre Arbeit als sinnvoll. Weniger von ihnen wollen ihr Leben über die Arbeit definieren. Das erste ist Sinn in der Arbeit, das zweite Sinn durch Arbeit als Lebensentwurf.
Wer beides vermischt, zieht falsche Schlüsse. Aus dem Rückgang des einen läßt sich kein Verlust des anderen ableiten, und aus hohen Werten beim einen keine Bereitschaft zum anderen.
Die existenzanalytische Lesart
Aus Sicht der Existenzanalyse ist der Rückgang kein Verfall. Viktor Frankl unterschied drei Wege, Sinn zu verwirklichen. Durch das, was man schafft, durch das, was man erlebt, und durch die Haltung gegenüber dem, was sich nicht ändern läßt. Arbeit ist einer dieser Wege, nicht der einzige.
Frankl hat sogar vor dem Gegenteil gewarnt. Wer Sinn ausschließlich in der Arbeit findet, fällt in eine Leere, sobald sie wegfällt. Er beschrieb das als Sonntagsneurose und als seelische Folge der Arbeitslosigkeit. Ein Leben mit mehreren Sinnquellen ist belastbarer, nicht schwächer.
Fragwürdig ist eher die Alternative, die der Fragebogen anbietet. Genuß als Hauptsache des Lebens ist bei Frankl kein Ziel, sondern eine Folge. Freude stellt sich ein, wenn man sich einer Sache oder einem Menschen zuwendet. Wer sie direkt anstrebt, verfehlt sie. Die Frage stellt also Sinn gegen etwas, das selbst nur über Sinn erreichbar ist.
Was das für Organisationen bedeutet
Unternehmen müssen Sinn nicht erfinden. Die Daten zeigen, daß Beschäftigte ihn in ihrer Tätigkeit überwiegend erleben. Die Aufgabe ist, diesen Sinn wahrnehmbar zu halten. Dazu gehört, den eigenen Beitrag sichtbar zu machen und die Identifikation nicht durch widersinnige Abläufe zu untergraben.
Unternehmen können aber nicht erwarten, daß erlebter Sinn in Hingabe an die Arbeit übergeht. Wer Sinnrhetorik einsetzt, um mehr Einsatz zu verlangen, verwechselt die beiden Ebenen. Bei den 18- bis 24-Jährigen verteilen sich die Antworten fast gleichmäßig auf Arbeit (31 Prozent), Genuß (32 Prozent) und beides (37 Prozent). Eine Führung, die nur einen dieser Lebensentwürfe gelten läßt, verliert zwei Drittel dieser Gruppe.
Grenzen dieses Befunds
Beide Erhebungen stammen aus Deutschland. Für Österreich fehlt eine vergleichbare Zeitreihe, das wäre ein eigener Befund. Unklar ist, ob die Antwort „beides gleich wichtig“ schon 2006 angeboten wurde, veröffentlicht sind für 2006 und 2016 nur die beiden Pole. Wäre die Mittelkategorie neu, ginge ein Teil des Rückgangs auf den Fragebogen zurück und nicht auf die Befragten. Dasselbe gilt, falls frühere Wellen nicht online erhoben wurden.
Begriffe zu diesem Befund
Sinnerleben, Sinnquellen, Selbsttranszendenz
Quellen
- Stiftung für Zukunftsfragen, Sinn durch Arbeit oder Freude am Leben?, Forschung aktuell 314, 19. Jänner 2026. Online-Befragung von 2.000 Personen ab 18 Jahren durch GfK.
- Institut DGB-Index Gute Arbeit, Jahresbericht 2020. Die Fragen zum Kriterium Sinn der Arbeit im Wortlaut.
- Qualität der Arbeit in Sachsen 2024, Ergebnisse der Befragung zum DGB-Index Gute Arbeit
- Universität Kassel, Fact Sheet Arbeitsqualität (DGB-Index 2021)
- AOK, Sinnstiftende Arbeit hält gesund. Beispiel für die Wiedergabe der Indexpunkte als Prozent.
- Viktor E. Frankl, Ärztliche Seelsorge, dtv, 10. Auflage 2020
